Athaulf

Brief des Magiers Athaulf an Uldin:

Athaulf, Magier
an
Uldin Skeidh

Meine Geschichte beginnt, als ich etwa zehn Jahre alt war. Eines Tages kam es, dass meine Sippe in der Nähe einer uralten Ruine, die während der Finsternis zerstört worden war und seitdem als verflucht galt, ihre Wagenburg aufstellte.
Nachdem der Reiks alle ermahnt hatte, sich nicht in die Nähe der Ruine zu wagen, begab sich die Sippe zur Nachtruhe.
In dieser Nacht hatte ich einen Traum, der mein gesamtes Leben verändern sollte.
Es muss um Mitternacht gewesen sein, als ein Mann, den ich nie zuvor gesehen hatte vor meinem Lager stand. Er trug einen weiten, schwarzen Umhang, hatte kantige, wie aus Stein gemeißelte Gesichtszüge und schwarzes Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte.
Er bedeutete mir, ihm zu folgen, und ich stand auf und lief, wie an unsichtbaren Fäden gezogen, ihm hinterher. Er führte mich aus dem Lager meiner Sippe heraus auf die Ruine zu. Als wir sie erreicht hatten und ich begann, über die uralten Steinquader zu klettern, da stolperte ich, erwachte und stellte fest, dass nun zwar der Fremde verschwunden war, ich aber trotzdem zwischen den Trümmern einer Bug lag. Mir blieb jedoch keine Zeit, mich darüber zu wundern, warum mich die Wachen beim Verlassen der Wagenburg nicht entdeckt hatten. Denn nun hörte ich um mich herum seltsame, unirdische Geräusche und zwischen den Steinhaufen kletterten Kreaturen hervor, deren Antlitz zu schrecklich war, als das ich es jemandem beschreiben könnte, der sie nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Sie schlichen auf mich zu, ergriffen mich mit ihren schleimigen Klauen und vor Furcht wie versteinet, ließ ich mich von ihnen davontragen.
Sie schleppten mich in den ehemaligen Thronsaal der Burg, wo hinter dem großen steinernen Thron ein Geheimgang begann, der von seltsamen Flechten oder Pilzen schwach erleuchtet war. Der Gang führte tiefer und tiefer in die Unterwelt Magiras und schon bald hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Wir rasteten etliche Male und man gab mir stinkendes Fleisch und Pilze zu essen. Irgendwann erreichten die Kreaturen ihr Höhlenlabyrinth und warfen mich in eine vergittere Zelle. Als ich gerade dabei war, meine Furcht und Abscheu abzulegen, entdeckte ich in einer Nische ein Skelett. Ich sprang entsetzt auf und wollte mich in die gegenüberliegende Ecke meines Gefängnisses verkriechen, da öffnete sich das Gitter. Eine der Gestalten, die mich gefangen hatten, kam herein und stieß mich auf den Gang, wo ihre Artgenossen warteten. Ich wurde zusammen mit anderen Kindern, die jedoch sehr apathisch wirkten und sich nicht ansprechen ließen, in eine große, von Fackeln erleuchtete Halle geführt. Die Halle besaß in der Mitte eine Art Podest, auf dem der größte dieser Dämonen stand und vor ihm ein Steinblock, der seltsam rot gefärbt war. Darum herum standen weitere Kreaturen, die uns geifernd und mordlüstern anstarrten.
Nun begannen sie einen Gesang, der mir heute noch das Blut in den Adern gefrieren lässt. Als sie damit fertig waren, deutete ihr Anführer auf eines der Kinder, woraufhin zwei der Dämonen es ergriffen und auf das Podest zerrten. Sie hielten seinen Kopf über den Stein und der Anführer zog hinter dem Stein eine alte, abgenutzte Streitaxt hervor. Sein Gefolge begann nun heisere Schreie auszustoßen und als der Lärm seinen Höhepunkt erreicht hatte schlug er seinem Opfer den Kopf ab, Doch als ob das noch nicht genug gewesen wäre, packte er nun dessen Leiche und warf sie in die Meute, die sich gierig darüber hermachte.
Danach wurden wir in unsere Zellen zurück gebracht und eine lange Zeit des Wartens begann, in der ich mich langsam an das Essen und sogar das Skelett gewöhnte. Es erinnerte mich seltsamerweise an den Fremden, der mir im Traum erschienen war. Irgendwann jedoch – ich kann heute nicht mehr sagen, ob inzwischen Tage, Wochen oder Monate vergangen waren – wurden wir wieder in die Halle geholt und die Opferzeremonie begann erneut. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrere Male und mir wurde klar, dass eines Tages auch ich an der Reihe sein würde, geopfert zu werden.
In den endlosen Tagen des Wartens plagte mich die Langeweile und, um sie mir ein wenig zu vertreiben, fing ich an mit den Knochen des Skeletts zu spielen. Ich machte Wurfübungen und legte Figuren auf den Boden meiner Zelle, darunter auch ein Pentagramm, was damals aber noch keine Bedeutung für mich hatte. Als ich das Pentagramm fertig hatte, blitzte plötzlich darüber ein grelles Licht auf und ich schloss geblendet die Augen. Ich öffnete sie wieder und sah einen langen Stab, der über dem Pentagramm schwebte, langsam zu Boden sank und dort liegen blieb. Er war mit seltsamen Gegenständen und eingravierten Runen verziert. In meiner Verzweiflung beschloss ich ihn bei nächster Gelegenheit als Waffe gegen die Dämonen zu verwenden und zu fliehen.
Als diese mich zur nächsten Zeremonie holen wollten, schlug ich mit dem Stab auf sie ein und obwohl ich sie kaum verletzen konnte, zuckten sie bei der leisesten Berührung mit dem Stab zusammen. Sie zogen sich schließlich zurück und ich nutzte die Gelegenheit zur Flucht. Jedoch hatten die schrecklichen Ereignisse die Erinnerung an meine Gefangennahme und alles, was davor lag aus meinem Gedächtnis gelöscht. Und so irrte ich durch das riesige Labyrinth, unfähig den Gang zu finden, durch den ich gekommen war.
Nach einigen Tagen, als ich bereits fürchtete, in den endlosen Gängen verhungern zu müssen, traf ich glücklicherweise (so seltsam sich das auch anhören mag, aber sie waren damals meine Rettung) auf eine Gruppe Dämonen. Ich folgte ihnen und gelangte so in den bewohnten Teil des Labyrinths. Mit der Zeit legten sie zwar ihre Furcht vor mir ab, denn sie merkten wohl, dass ich doch nicht der mächtige Zauberer war, dem der Stab einst gehörte und der offenbar während der Finsternis in das Labyrinth geraten und dort umgekommen war. Andererseits betrachtete sie mich aber auch nicht mehr als Gefangenen und ich konnte mich frei unter ihnen bewegen und sie bei der Ausführung ihrer magischen Rituale und Zeremonien beobachten.
Indem ich ihre Zaubersprüche im Geheimen nachahmte, machte ich meine ersten Erfahrungen mit der Magie. Später entwickelte ich erste eigene Sprüche und richtete schließlich mein ganzes Trachten darauf, mit Hilfe von Magie einen Weg aus dem Labyrinth zu finden. Als abzusehen war, dass mir dies gelingen würde, begann ich, einen Nahrungsvorrat anzulegen. Sobald meine Vorbereitungen abgeschlossen waren, machte ich mich auf den Weg und nach einer schier endlosen Reise, als ich fast am Ende meiner Kräfte angelangt war, erreichte ich wieder die Oberfläche Magiras.
Als ich jedoch wieder auf Menschen traf, musste ich feststellen, dass ich mich in einem fremden Land befand. Nach einiger Zeit, als ich die Sprache der Fremden erlernt hatte und es sich herumgesprochen hatte, dass ich etwas von Zauberei verstand, wurde ich auf die Burg eines Fürsten eingeladen.
Er erklärte mir, er führe seit Jahren einen Kleinkrieg gegen einen anderen Fürsten und wolle seinen Gegner nun endgültig besiegen, indem er ihn beim König wegen Majestätsbeleidigung anklage. Dazu solle ich ihn derart verzaubern, dass er in aller Öffentlichkeit Beleidigungen gegen den König äußern könne. Da der andere Fürst offenbar sehr schlecht gegen Zauberei geschützt war, gelang es mir mühelos, meinen Auftrag zu erledigen. Ich erhielt zweihundert Goldstücke als Belohnung und durfte mich in der Stadt meines Auftraggebers niederlassen. Offenbar überkam diesen jedoch nach einigen Wochen die Angst, ich könnte mein Wissen um die Intrige an irgendjemand weitergeben und er ließ mich unter einem Vorwand aus dem Land jagen.
Auf ähnliche Weise verliefen nun die nächsten neun Jahre meines Lebens, in denen ich, teilweise auf der Flucht, teilweise auf der Suche nach neuen Erfahrungen, von Land zu Land zog. Jedesmal verkaufte ich meine Kenntnisse an die Herrscher, die sich entweder keinen Hofzauberer leisten konnten, oder diesen nicht in Ihre Intrigen einbeziehen wollten oder konnten. In diesen Fällen jedoch tauschte ich reichlich Zaubersprüche und sonstige Kenntnisse mit den Hofzauberern aus, so dass ich meine Macht und damit meinen Wert für meine Auftraggeber jedesmal steigern konnte.
Vor drei Wochen führten mich meine Reisen wieder in das Hochland von Muravan und als ich die großen Wagen der Waranag ziehen sah, da stiegen längst vergessen geglaubte Bilder aus meiner Kindheit in mein Bewusstsein und mir wurde klar, dass ich meine Heimat wieder gefunden hatte.
Und so bitte ich nun Euch, Uldin Skeidh, mich wieder in das Volk der Waranag aufzunehmen und mir zu erlauben in Longardh zu wohnen. Ich glaube, dass Leute mit meine Lebensweise am besten in der Stadt der Söldner aufgehoben sind.

Euer
Athaulf

Athaulf wurde im Jahr 27 nach der Finsternis (ndF) beim Volk des Raben aufgenommen. Er war lange Zeit Mitglied des Schamanenkreises der Waranag und gilt als mächtiger Magier. Zeitweise war er Mitglied des Kronrates der Waranag, blieb aber überwiegend in Longardh – dem Lehen der Tiger im Rabenreich.
Als Heerführer des Volksheeres der Wagenvölker gelang ihm Magramor, die größte Stadt der alten Welt zu erobern.
Nach dem Weggang von Canfar blieb er noch einige Zeit in Longardh. Er verließ 44 ndF das Rabenreich und zog zusammen mit Helmnot in die westliche Welt (Yddia). Dort befindet sich im Nor, in der Eiswüste (Greifenebene), das Reich der Ewigen Armee.
Dort hat er offiziell den Rang eines Vazurg (Edler in Follow). Doch seit dem Jahr 50 ndF ist er Archomagus und damit oberster Magier der Ewigen Armee. Er hat daher großen Einfluss auf die Kämpfe und Siege der Ewigen Armee. Man sagt ihm enge Verbindungen zu den Kalanitern nach.