Der Weg nach Miklagardh


Der Sommer stand kurz bevor, aber noch immer hielt eine ungewöhnlich lange Kälte die Felder und Weiden des taphanischen Hochlandes in eisiger Umklammerung und durch die zugigen Fenster und Tore Rabenhalls toste der kalte Wind, der auf dem weiten Weg von den schneebedeckten Gipfeln Brutheims noch nichts von seiner Kraft verloren hatte.

Nur wenige Lichter innerhalb der Festung warfen ihren zuckenden Schein auf den breiten Damm, der die mächtigste Burg des Ah’tainreiches mit dem Festland Faraheims verband. Der einsame Reiter, vollständig in einen weiten weißen Mantel gehüllt, hielt sein schnaubendes Ross vor dem großen Tor. Er kannte die beiden baumlangen Uriadhkrieger, die zur Leibwache des Skeidh gehörten. Nur wenige dieser Männer waren aus den Grabenkämpfen um die andorianischen Burgen in den weslichen Landen vor drei Sommern zurückgekehrt und diese waren für immer gezeichnet an Leib und Seele.
„Ihr werdet schon erwartet, Herr“, knurrte einer der Männer, dem augenscheinlich ein Schwerthieb ein Auge gekostet hatte, und öffnete die kleine Seitenpforte. „Alswin wird euer Pferd versorgen.“ Seufzend glitt er von seinem Braunen. Er spürte den tagelangen Ritt von Longardh in seinen Knochen mehr als sonst.
Als sich die Pforte hinter ihm wieder schloss, spürte er, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor.

Der größte Teil der Halle lag im Dunkeln und das Licht der wenigen Fackeln zu beiden Seiten formte bedrohliche Schatten aus der Tiefe, als würden schemenhafte Ungeheuer durch die Nacht gleiten.
Er fühlte sich einsam, wie schon lange nicht mehr, und er zog fröstelnd den Mantel enger um sich als er auf das Feuer am Ende der Halle zuschritt.

Eine hohe, schlanke Gestalt löste sich aus den Schatten.
„Cearan, Helmnot, Gerwarts Sohn. Sei uns Willkommen!"
Er neigte das Haupt. „Herrin!“

„Der Kriegsherr der Ewigen Armee ist kein Vasall der Ah’tain. Du bist das Schwert von Surene und ich bin nicht mehr deine Königin.“
Auf Helmnots Lippen stahl sich ein wissendes Lächeln als er die leisen Worte Shanas vernahm.
„Ich verneige mich nicht vor der Königin der Ah’tain, sondern vor deiner Schönheit.“
Das Antlitz Shanas rötete sich im zuckenden Feuerschein des Herdfeuers. Die Gemahlin des Skeidh und Königin Taphans, war in seinen Augen immer noch die schönste Frau von zwei Welten. Trotz des langen Siechtum des Skeidh, dem Tod ihres Ältesten, Ragnar und dem Verschwinden ihrer ungebärdigen Tochter, hatte sie mit harter Hand das Reich der Ah’tain zusammengehalten und die Fürsten und Stämme gebändigt. Doch jetzt konnte Helmnot hinter der herben Schönheit der Königin den ganzen Kummer und die Not erahnen, die ihr schon seit Jahren zu schaffen machten. Auch in ihr verspürte er die latente Bedrohung der Finsternis, wie in dem Geistwesen des Skeidh, der gebrochen an Leib und Seele blicklos im Hochsitz kauerte, das Schwert der Macht mit bebenden Fingern umklammernd.
Hoch über sich erahnte Helmnot die grausamen Augen des Greifen, dessen abgeschlagenes Haupt über dem Hochsitz hing. Doch der, der ihn bezwungen hatte, vor über dreißig Sommern, war jetzt nur noch ein Schatten seiner Selbst.
Wo war der Stolz der Ah’tain? Wo die Stärke der Menschen, die, selbst in aussichtsloser Lage, über sich selbst hinauswuchsen? Wo waren jene, die einst alles Heimat nannten, was der Huf ihrer Rosse zerstampfte? Memrik und Tigran, Askan und Wulfhere. Gab es niemanden mehr, der im Schatten des Raben das Reich zu neuer Größe führen konnte?
Helmnot trat näher an den Hochsitz. Das letzte edle Blut der Ah’tain hatte sich hier versammelt. Die Königin hatte sie zum Rat gerufen, doch es war offensichtlich, dass von ihnen keine Hilfe zu erwarten war. Sie waren wie Lämmer, die auf das Schlachtbeil warteten.

„Magramor, das wir Miklagardh nannten“, raunte Shana, „wird von den Söhnen Amars beherrscht. Es muss wieder unser sein. Nur so erfüllen wir das Gebot unserer Vorväter. Amar, die Schlange, muss zertreten werden. Zu lange haben die schwarzen Banner der Finsternis über unseren Burgen geweht. Zu lange hat Uldin Skeidh an den Eiden und Schwüren mit den Nachtschatten festgehalten und viel zu lange hat das Schwert der Macht die Unschuldigen und Schwachen geknechtet. Es ist schon Unheil genug, was seit vielen Sommern in den Bergen Brutheims lauert.“
Die Königin wies auf den Thron.
„Sieh ihn an, Helmnot, Gerwarts Sohn. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Sein Herz ist gebrochen, zerrissen zwischen Licht und Finsternis. Von dem Schwertträger ist keine Hilfe zu erwarten…“
„Was ist mit der Erbin des Schwertes, meine Königin?“
Shana umklammerte die Lehne am Hochsitz so stark, dass sich ihre Knöchel weiß färbten.
„Die Erbin des Schwertes ist weit. Ich weiß nicht, wohin sie ihr Weg führen wird und ob sie überhaupt wieder zu uns zurückkehren wird…?“
Sinnend umfasste ihre Rechte das mit herrlichen Andaminen verzierte Amulett an ihrem Hals.
„Höre! Das dunkle Reich der Nachtschatten wankt. An seinen Grenzscheiden nagen Korossos, Ranabar und das Reich des Feuers wie Hunde am Knochen. Dalor ist schon in die Hände des Kriegshäuptlings der Korosser gefallen. Wulfhere ist alt und schlürft seinen Alterbrei in Helmond und jene, die einst groß waren im Reich der Ah’tain, sind tot oder verschollen. Sprich! Wer soll das Harjis, das Volksheer, in die Schlacht führen?“

„Hast du mich dafür geholt Herrin, dir den Rat zu geben, den jene, die ich hier um den Thron stehen sehe, nicht schon längst in dein Ohr geraunt haben?“
Helmnot nickte. „Schon einmal war es ein Mann Longardhs, mit den Farben des Tigers, der vor vielen Sommern die Mauern Magramors bezwang…“
„Und deshalb bist du hier, Helmnot, Gerwarts Sohn“, fiel ihm die Königin ins Wort. „Ich wüsste nur einen, der erneut diese Tat vollbringen könnte.“
Sie wies auf die Männer und Frauen ihrer Sippe.
„Jene stehen treu zu mir, denn in ihren Adern fließt das Blut der Schwertträger. Doch in den Wagenburgen der Tziosshim gärt es. Die Stammkönige und Fürsten der Wagenvölker verweigern mir die Gefolgschaft. Sie sagen, ein Weib auf dem Thron in Rabenhall verdiene ihre Stärke nicht.“
Sie blickte ihm zwingend in die Augen.
Darum sei du Kriegsherr für diesen Sommer, Helmnot. Dir werden sie folgen. Denn du bist keiner von ihnen. Du wirst an den Feuern der Stämme das Schwert von Surene genannt und ich fühle in dir das Verlangen nach Größerem. Dein Weg führt dich nach oben, Helmnot - sei es in Surene oder in der Alten Welt. Der Weg zur Macht war schon immer mit Blut gezeichnet. Sammle die Tausendschaften. Erwecke in den Stammkönigen die Gier nach Gold und Kampf!“
Er lächelte grimmig. „Vor vielen Jahren hat Chanfar mit den Tigersöldnern Zuflucht gefunden unter den Schwingen des Raben und geschworen, ohne Sold für den Skeidh zu kämpfen. Jetzt ist die Stunde gekommen, da ich, Helmnot, Gerwarts Sohn, Kriegsherr der Ewigen Armee unter dem Banner des Raben, die Eide und Schwüre von damals erfüllen kann.

Ich lasse den Raben noch einmal fliegen, Königin, ich hole dir Miklagardh!


© Hans Peter Schultes