Es versprach ein ruhiger Tag zu werden. Der Belagerungsring um Magramor war geschlossen. Die verbündeten Völker warteten jedoch noch auf Verstärkung, um dann mit voller Kraft anzugreifen. Bei den belagerten Aoi-Lai schien sich auch heute nichts zu tun.
Die Sonne machte das Lagerleben unerträglich. Die Hitze lag drückend zwischen den Zelten und Wagen der Steppenvölker. Als eine Streifschar ausgeschickt wurde, um auf der Ebene vor Magramor nach versprengten Truppenteilen der Aoi-Lai zu suchen, wollte ich mich ihr anschließen.
Ich ritt zusammen mit einigen gleichgesinnten Kriegern aus Uldins Gefolge auf die Staubwolke der ausrückenden Truppe zu und bald kamen wir nahe genug um Einzelheiten zu unterscheiden. Es waren etwa drei Tausendschaften leicht gerüsteter Stammeskrieger der Ossh und Bogenschützen aus dem Hornvolk der Rcarhim, welche nun an uns vorbeizogen. Die bunt gemischte Reiterschar bot auf den Steppenpferden einen wahrhaft malerischen Anblick. Die hellen Farben der Stoffe hoben sich vom dunklen Fell der Pferde ab. Die an die Sättel gebundenen Schilde, das Blinken der Metallteile und Lanzenspitzen. Die Bogen, Schwerter und Wurfäxte der Krieger sowie die steinernen Kriegshämmer der alten Recken boten einen Anblick barbarischer Pracht, der mich immer wieder in seinen Bann zieht.
Als die Führungsgruppe an uns vorbeizog, reihten wir uns nach kurzem Wortwechsel ein.
Schon bald erreichten wir das Gras der freien Steppe und die Staubwolken, welche uns bisher begleitet hatten, begannen sich zu lichten. Für jeden Beobachter waren wir dennoch schon von Weitem zu erkennen und ich fragte mich, warum unsere Streifscharen immer in so großer Stärke ausgeschickt wurden.
Die flache Ebene vor Magramor, dieses uralte Land, zog unter unseren Hufen dahin. Hier war eines der großen alten Schlachtfelder der Welt. Schon lange bevor unsere Völker kamen düngte das heiße Blut von Menschen und anderen Wesen den Boden. Am Horizont schimmerten die Zinnen von Magramor. Mauern, die schon einmal von den Kriegern des Raben bezwungen wurden. Als ich daran dachte, unter welchen Mühen die Stadt erneut erobert werden musste, war ich bedrückt. Es schien jedoch nicht nur mir so zu gehen, der ganze Reiterzug war seltsam still. Keiner sprach, keiner sang, keiner scherzte.
Gegen Mittag wurden starke Verbände von Affenkriegern gemeldet, die sich in der Ebene sammelten. Ambazuch, ein Fürst der Rcarhim und Anführer des Verbandes, befahl der Truppe aufzuschließen und sich zu rüsten. Die Stimmung hob sich schlagartig, eine starke Anspannung hing fast greifbar über den Reitern. Das Trommeln der Hufe und das Knarren des Lederzeugs erschien auf einmal sehr laut.
Als die Krieger der Aoi-Lai endlich für alle sichtbar wurden, fächerte sich die Formation auf ein Handzeichen des Fürsten hin in die Breite auf. Die ganze Schar hielt an und wartete. Der Faghana, der Barde des Fürsten, stimmte ein Kampflied an und die Krieger fielen einer nach dem anderen ein. Wild klang das Lied zum Himmel. Auf ein erneutes Handzeichen des Fürsten trabten die Steppenkrieger zu den aufpeitschenden Klängen des Liedes an. Dumpf dröhnten die hallenden Töne der Khorhörner über die Steppe. Die Pferde fielen von selbst in den lange eingeübten Angriffsgalopp. Kurz vor dem Aufprall würde sich die Geschwindigkeit noch einmal steigern. Nichts konnte diese Lawine aus Pferden und Menschen noch aufhalten. Das Gras schien unter uns hinwegzufliegen und der Himmel jagte über uns dahin. Wir kamen aus dem Wind wie eine Sturzflut. Die Männer der Ossh ritten mit eingelegten Lanzen und gehobenen Schilden. Die Krieger der Rcarhim folgten dichtauf mit ihren kurzen Hornbogen in der Hand. Es war, als hielt die Steppe den Atem an. Den Hufschlag der Pferde hörte ich nicht mehr, um mich herum war es still, nur das Rauschen des Blutes dröhnte in meinem Kopf. Der Tod kam über die Steppe!
Als wir auf hundert Schritte heran waren, erkannte ich Einzelheiten in der Formation der Affenkrieger. Die exotischen Rüstungen, die gezogenen Schwerter und immer wieder gespannte Bögen.
Der alte Gruß des Raben, gebrüllt aus dreitausend Kehlen hallte über die Ebene. Mit dem Schlachtruf Cearan auf den Lippen, krachten wir in die Formation der Aoi-Lai. Das Bersten von Lanzen und Rüstungen erfüllte die Luft. Aber gleichzeitig ritten wir in eine Wolke von Pfeilen. Die Affenkrieger waren gut geschult. Sie schossen auf des Herz eines jeden Reiterheeres. Sie schossen fast ausschließlich auf unsere Pferde. Diese fielen zu Hunderten und rissen ihre Reiter mit zu Boden. Mit Schrecken erkannte ich, daß wir die Zahl der Feinde unterschätzt hatten. Unser Angriff kam im Heer des Feindes zum Stehen und wir bildeten ein leichtes Ziel für ihre Bögen. Der Ring aus Aoi-Lai begann sich zu schließen.
Bevor ich mein Pferd durch Pfeile verlor, sah ich, wie der Fürst und seine Uriadh einen heldenhaften Kampf gegen die Affenkrieger führten. Sein Banner zeigte überdeutlich wo er stand und todesmutig griffen die Krieger der Feinde an. Ohne Pferde war es ein aussichtsloses Blutvergießen. Die nur leicht gerüsteten Krieger der Wagenvölker befanden sich am Boden im Nachteil.
Mit dem Schwert in der Hand konnte ich mich für einen Moment aus dem tobenden Kampf lösen. Der Angriff hatte sich in zahllose Einzelkämpfe aufgelöst und glich einem tödlichen Reigen aus Fleisch, Stahl und Blut. Die hinteren Reihen der Rcarhim hatten sich in die freie Ebene abgesetzt und begannen sich außer Pfeilschußweite zu sammeln. Es mochte wohl noch eine Tausendschaft sein. Der Rest lag tot auf dem Feld, oder kämpfte verbissen mit den Affenkriegern.
Nun begann sich die lange Zeit bei den Tigersöldnern in Longardh auszuzahlen. Ich raffte einen Schild auf und rief den nächsten Rabenkriegern zu, daß wir einen Schildwall bilden müssen. Zunächst zögernd, dann immer schneller, lösten sich die Krieger der Ossh und Rcarhim von ihren Feinden und sammelten sich in einem wachsenden Schildwall. Dies war zwar nur ein unvollkommener Schutz, da viele Rabenkrieger nur kleine Reiterschilde hatten, aber der Kampf wurde ausgeglichener. Die gegen uns kämpfenden Affenkrieger versperrten ihren eigenen Bogenschützen die Sicht. Der Ring unserer Kämpfer war nun stark genug, um den Kriegern der Aoi-Lai genug Widerstand zu bieten. Immer wieder fochten sich noch Gruppen unserer Stämme zu uns durch. Draußen auf der Ebene fegten immer wieder die Reiter der Rcarhim an den Formationen der Feinde vorbei und schossen mit ihren Hornbogen. Und nun hielt auch bei den Affen der gefiederte Tod eine reiche Ernte. Ihre Bogenschützen hatten bei den schnellen Reitern ein schweres Ziel, doch in der starren Masse der Affenkrieger fand mancher Pfeil der Raben ein leichtes Opfer.
Nun mußten wir die Umklammerung um unseren Verteidigungskreis sprengen. Ein Ring aus Leichen beider Völker erschwerte den Kampf. Ich rief den Schlachtruf der Väter und gab das Zeichen zur Bildung eines Keiles.
Die Keilformation ist die letzte Zuflucht, wenn die Wagenburg bereits brennt. Jeder Rabenkrieger wußte sofort was zu tun war. Die Schultern schlossen sich. Die Verwundeten wurden in die Mitte gereicht und dort von den Gesunden gestützt. Die Schildträger rückten nach außen. Die Seiten des Keiles bildeten eine starke Wehr. Den Schild nach außen, das Schwert in der Hand setzten wir uns in Bewegung. An der Spitze des Keils tobte die Schlacht am heftigsten. Die Affenkrieger kannten die Gefahr des Keiles nicht. Sie versuchten uns mit der Kraft Ihrer Arme aufzuhalten. Doch in der Schlacht schiebt man nicht mit den Händen, sondern mit dem Schilde. Wenn es zum Pressen kommt, legt man sich mit aller Kraft in ihn hinein. Das Schwert wird zum Stachel, der aus dem Schildwall herausragt und in den die Feinde von den eigenen Reihen gepresst werden.
Alle Männer im Keil schoben in dieselbe Richtung. Und langsam und stetig bewegte sich der Stoßblock der Raben über die Leichen ihrer Feinde auf die offene Steppe zu.
Als die ersten unserer Krieger so das freie Feld erreicht hatten, verstärkten die übrigen Reiter der Raben Ihre Angriffe auf diese Stelle. Schrecklich war das Gemetzel und die Reihen der Affenkrieger begannen dort zu weichen. Bald lösten sich die Kampfgruppen voneinander.
Der Stoßkeil fiel, seine Reihen fest geschlossen, in einen leichten Trab. Schon bald gelang es, aus der Reichweite der Bogenschützen der Aoi-Lai zu kommen. Die Krieger der Affen versuchten ihr gespaltenes Heer neu zu ordnen und bis ihnen dies glückte, hatten wir genug Abstand um sicher vor einem Angriff zu sein. Schnell jagten Meldereiter der Rcarhim über das Land, um Verstärkung zu holen. Als dies die Krieger der Sheng sahen, zogen sie sich in Richtung Magramor zurück und überließen uns die Walstatt. Drohend schwangen wir die Schilde und riefen ihnen nach. Jeder wußte, daß wir sie bald vor Magramor wiedersehen würden.
Nun folgte der schwere Weg zurück. Doch die Reiter der Rcarhim trugen voll Stolz ihre Beute. Reich war das Raubgut dieses Kampfes und schwer trugen die überlebenden Pferde. Metall ist auf der Steppe selten und kostbar. Die erbeuteten Eisenwaffen waren wertvoll und so trug jeder Krieger überreich Beute zurück ins Lager. Die Krieger der Wagenvölker würden diese Waffen bald erproben können.
Doch auch viele Verwundete wurden auf Bahren hinter den Tieren gezogen. Wohl eine Tausendschaft färbte die Steppe mit ihrem Herzblut und fast die ganze Uriadh des Fürsten war ein Fraß für die Raben der Steppe. Der Fürst selbst lag wund auf einer Bahre und mit ihm brachten wir wohl an die dreihundert Verwundete mit ins Lager zurück.
Der Tag neigte sich seinem Ende zu. Mit der Dämmerung sammelten sich die Krieger im Lager um die Feuer. Die Flammen brannten hoch und die Becher kreisten. Es wurde manche Heldentat erzählt und mancher Krieger betrauert. Doch spät am Abend trat ein Schamane in den Kreis der Krieger. Stille senkte sich über die Runde und der Alte sprach:
Der Reigen des Kampfes ist eröffnet!
Zum Winde wendet wehrhaftes Antlitz,
waltet wie Wölfe über die Welt.
Was fassen eure Finger so fest?
Flammende Fackeln, Schwerter und Schild.
Sprachen da Ambazuch, Sandil und Helmnot:
Mit Recken rangen wir ums Recht,
Blut rinnt rot auf rauhe Steppe.
Bei Tage schwangen wir schneidend das Schwert,
die Stämme stampften zu Staube,
vom Heerbann der Sheng wohl tausend Mann.
Jedoch wer wachet über die Welt,
muss des Kommenden Keime kennen
Es rufen die Recken in Magramor Rache.
Was wartet Ihr, bis neue Waffen
sie schmieden und schleifen die Schneiden?
Schleift Magramor’s Zinnen und schafft dort Frieden,
wo Zank und Hader begonnen hat!

© Wolfgang Grubert