Staub und Stein

Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel auf die Stadt herab – oder besser: die Reste, die die vergangenen Jahrhunderte überdauert hatten. Staub wirbelte ober die schuttbedeckten Straßen und wehte über die Ruinen. Ein Raubvogel zog über den Säulen eines alten Prachtgebäudes seine Kreise. Und doch - er war nicht das einzige Leben in dieser Stadt.
Eine menschliche Gestalt kletterte geschickt über die Reste einer Mauer und blieb an deren Krone stehen. Der Wind wehte ihr das Tuch vom Kopf und zerzauste das braune Haar.
Die Gestalt sah sich suchend um und stützte die Hände in die Hüften. Dann zog sie die verrutschte Tasche an ihrer Seite zurecht und wanderte ein Stück über die Mauer, bis sie von einem Schutthaufen gezwungen wurde, einen Bogen zu schlagen, sich an zwei Säulen vorbei durch einen verschobenen Eingang zu zwängen.
Dann erreichte sie einen kleinen Vorplatz, stieg eine brüchige Treppe hinauf und setzte sich auf einen Steinquader, der wohl einmal das Fundament für eine Säule gewesen war, die nun quer über den Stufen lag.

Azarmidaht zog vorsichtig die Tafel aus ihrer Tasche, klappte sie auf und studierte die in Ton geritzten Zeichen. „Mardum emek chancha . . . wandle auf den Pfaden, die dir sein Haupt weist, und fürchte die Augen des Tigers, wenn du . . .“ ach nein, das führt zu nichts murmele sie enttäuscht und klappte die Tafel wieder zu. Gerade diese Zeilen der alten Schrift waren nur schwer zu entziffern gewesen. Vielleicht hatte sie sich ja auch geirrt und der Ort, den sie suchte, lag in einem anderen Teil der Stadt. In einem anderen Gebäude. Aber die Geschichte von der weisen Prinzessin Buran, die den größten Schatz Midaht Asaars verborgen hatte, ehe sie mit ihren Kriegern in den Tod geritten war, hatte sie schon als kleines Kind begeistert . „ . . . und Buran nahm den Schatz von Herz und Geist die Weisheit und die Stärke, die Morgengabe an ihre Ahnen, aus dem Heiligsten und trug sie fort. An einen verborgenen Ort brachte sie die Dinge, auf dass sie niemals in die Hände ihrer Feinde fielen und ihre Macht verdorben würde", zitierte Azarmidaht die alte Geschichte und seufzte. Ihre Mutter
hatte diese Erzählung von einer alten Frau gehört, kurz bevor sie ihre erste Tochter geboren hatte „Und deshalb heiße ich fast so wie die Stadt hier…“' murmelte die junge Frau. „Aber er hat Mutter nie erzählt, was für Schätze das waren. Vielleicht ein Schwert . . .“ Sie runzele die Stirn, überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf. „Das würden sich mein Onkel und meine Brüder wünschen."
Ihre Augen musterten aufmerksam die Umgebung. So weit wie heute war sie noch nie gekommen. Die Eltern sahen es nicht gerne, wenn sie sich in diesem Teil der Stadt herumtrieb. Die Ruinen waren bereits zu brüchig und drohten jeden Moment einzustürzen. Seit ihr Vater fast einmal von einer Wand erschlagen worden war, scheute er sich, hier herum zu klettern und erlaube es seinen Kindern noch weniger.
Azar zuckte plötzlich zusammen. Die Mauer, über die sie geschritten war, zeigte auf dieser Seite ein Relief. Eine Menschengestalt und ein . . . Aus der Wand blitzte ihr im Sonnenlicht etwas entgegen. Azarmidaht sprang auf. Ein heftiger Windstoß wirbelte Staub hoch und ließ sie husten. Gerade, als sie sich daran machte, über den Schutt zu steigen, und ihre Entdeckung näher in Augenschein zu nehmen, trug der Wind eine Stimme heran.
„Azar! Azar! Komm da raus. Du weißt doch, das sollen wir nicht tun“ kreischte die Achtjährige von der Straße her. „Mutter schickt mich! Du sollst sofort kommen.“ Azarmidaht verdrehte die Augen. Das bedeutete wieder Arbeit. Dabei hatte sie sich gerade heute erhofft, sich einmal bis zum Sonnenuntergang davonstehlen zu können, um ihren eigenen Entdeckungen nachzugehen.
„Ich wünschte mir, in dieser Stadt würden noch ein paar andere wohnen, dann würde mir das kleine Biest nicht immer hinterherlaufen ..." ärgerte sie sich und warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf die Mauer. „Ich werde zurückkommen und mir das morgen ansehen", schwor sie sich.
Das Leben war nicht immer gerecht. Dabei verlief es nicht einmal in gewöhnlichen Bahnen: Welche andere surenische Frau beschäftigte sich tagaus tagein damit, Relikte aus der Vergangenheit in den Ruinen zu suchen und ihren Sinn herauszufinden, alte Schriftzeichen zu deuten, zu übersetzen und aufzuschreiben?
Die Worte zu Geschichten zu formen, und einen Sinn in den Zeilen zu finden?
So wie ihr Vater und ihre Mutter es schon seit langer Zeit taten - seit sie ein Traum von den Zelten ihres Stammes in die Ruinen von Midaht Asaar geführt hatte, wenngleich die beiden diesen Namen erst viel später erfahren hatten. Azarmidaht kannte die Erzählung auswendig. Während eines fürchterlichen Sturmes waren ihre Eltern von den anderen Angehörigen des Stammes getrennt worden, hatten unter einem Felsen Zuflucht gefunden und darum gebetet, dass der Zorn der Winde bald sein Ende finden möge. Und dann war ein Fremder aus dem Herzen des Sturmes geritten. Ein seltsamer, furchterregender Fremder, der ganz in eine schwarze Rüstung gehüllt gewesen war. Ein Krieger dessen Gesicht unter einer Schädelmaske verborgen gewesen war und dem die Winde die um ihn tobten nichts anzuhaben vermochten!
Azarmidahts Eltern schlossen mit ihrem Leben ab, denn solch ein Wesen konnte nur den tiefsten Abgründen der Erde entsprungen sein - aber dem war nicht so.
Der Fremde hatte nur auf sie niedergeblickt und kein Wort gesprochen - bis seine Augen hinter der Maske aufgeglüht hatten und . . . Vater wie Mutter behaupteten, er habe zu ihnen gesprochen, nicht mit Worten, sondern mit dem Geist. Der Fremde habe ihnen geboten, ihr Leben aufzugeben und es von nun an einer anderen Aufgabe zu weihen.
„Geht und sucht in dem Staub und den Steinen der Vergangenheit nach den Spuren großer Zeiten, denn wenn Er, mit dem Herzen des Tigers aus der Asche entsteigt, müsst ihr die Hüter des alten Wissens sein. Ihr und eure Kinder mit euch“, gebot er dem Paar mit eindringlicher Stimme.
Damit sie das alles nicht für einen Traum hielten, hatte er sie über dem Herzen mit dem Prankenhieb eines Tigers gezeichnet und als äußeres Zeichen eine breite Strähne ihres Haares über der Stirn vor dem Aller weiß gefärbt. Azarmidahts Eltern erwachten am nächsten Tage in ihrem Zelt, so als sei nichts geschehen, aber sie erkannten an den Malen über ihrem Herzen, die nur sie spüren konnten, und der Zeichnung ihres Haares, dass sie nicht geträumt hatten. Sie befolgten den Befehl des Fremden, trennten sich von ihrem Stamm und ließen sich nun in dieser alten Stadt nieder, begleitet allein von einem Bruder und dessen Gefährtin.
In den folgenden Jahren hatten Azarmidahts Eltern entdeckt, dass ihnen der Fremde noch andere Gaben verliehen hatte. Das Paar sammelte nicht nur Relikte der Vergangenheit, nein, es vermochte auch von Anfang an, die Schriftzeichen zu lesen und lernte sie nach und nach zu deuten.
Die Nomaden der Stamme, die an Midaht Asaar vorbeizogen hatten Azarmidahts Eltern Charat und Sherim zunächst nur für verrückt gehalten und gejagt. Aber mit den Jahren war daraus Achtung vor dem Mann und der Frau geworden, die von den Göttern berufen und den Vermächtnissen der Ahnen nahe waren. Niemand wagte mehr, sich an dem auserwählten Paar und dessen Familie zu vergreifen. Die Nomaden gaben ihnen stattdessen Kleidung und andere Dinge und ersuchten um Rat.
„Und ich ruhte schon im Schoß meiner Mutter, als dies alles geschah“, murmelte Azarmidaht und zwängte sich durch den schmalen Spalt. Staub rieselte und es knirschte vernehmlich, als die dabei mit dem Rücken, gegen den Stein stieß. Azar blieb vor Schreck erstarrt stehen. In ihren Augenwinkeln hatte sie einen Schatten auf dem Vorplatz erspäht. Einen Schatten der . . . Einen Augenblick nur, einen winzigen Augenblick sah sie den, den ihre Eltern so eindringlich beschrieben hatten. Ein Knochengesicht wandte sich ihr zu. Eine behandschuhte Hand hob sich, so als wolle
sie allein durch die Geste den sich langsam neigenden Stein aufhalten. Azar schnappte nach Luft. Unwillkürlich hob die junge Frau die Hände in Höhe des Herzens.
Dann riß sie Burans Kreischen aus der Erstarrung. ,Azar! Wenn du nicht sofort kommst, dann sage ich Vater, dass du was Verbotenes tust, quengelte ihre jüngste Schwester.
Instinktiv machte Azarrnidaht einen Schritt zur Seite und blickte noch einmal durch den Eingang zurück. Doch ebenso wie das Knirschen aufgehört hatte, so war auch der Fremde verschwunden. Azar schluckte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, doch ebenso kochte die Wut in ihr hoch. Buran war an allem schuld. Hatte sie nicht in diesem Moment Iosgekreischt, wäre der Fremde sicher geblieben, und sie hätte ihm so viele Fragen . . . „Azarr“ forderte Bran laut. Azamidaht sah, wie ein Stein über die Mauer flog.
„Ja, ich komme schon!“ rief sie ärgerlich zurück, umrundete den Schutt und kletterte auf die Mauerkrone. Von dort aus konnte sie ihre Schwester sehen, aber auch eine Staubwolke, die sich vom Horizont her näherte. Bekamen sie wieder Besuch von einem der vorbeiziehenden Stämme? Das war doch nichts Besonderes.
Buran schien ihren Bick richtig zu deuten. „Ja, deshalb sollst du zu Mutter kommen. Wir müssen uns noch vorbereiten.“
„Warum denn das? Glaubst du, die Reiter werden so schnell zur Stadt kommen? Sie müssen doch noch . . ."
„Durchan sagt das sind ganz fremde Reiter!“ plapperte die Kleine dazwischen. „Sie tragen auch andere Gewänder, ganz in Schwarz und Weiß. Komm runter, ja?"
Azarmidaht nickte nachdenklich und starrte noch einmal auf den Horizont.
Was mochten diese Fremden bringen? Gute oder schlechte Dinge? Sie verspürte plötzlich Furcht und deshalb war es um so besser, bei ihren Eltern zu sein, die mit dem Unvertrauten besser umzugehen wussten.

Während Azamidaht zu ihrer Schwester eilte, blitzte an der Mauer hinter ihr ein einsamer Edelstein in der Wand auf – ein gelboranger Stein, der seit Jahrhunderten in seiner Fassung ruhte – im Auge eines steinernen Tigers…

© Christel Scheja