Ein neuer Rekrut
Hondanan, Frühjahr 34 ndF
Helmnot seufzte. Eigentlich war sein Rang viel zu hoch für die Aufgabe, die er gerade versah. Aber die Kalaniter hatten Pläne für die nächsten Jahre. Dafür hatte die Ewige Armee jedoch deutlich zu wenige Leute, deshalb war eine große Rekrutierungskampagne für die Tiger-Söldner angelaufen. Und jemand mit Fachverstand musste sich die neuen Rekruten anschauen, um zu entscheiden, ob sich welche mit Potenzial für Führungsaufgaben darunter befanden. Die Armee brauchte schließlich nicht nur einfache Schwertkämpfer, sondern auch Unteroffiziere und Offiziere.
„Kommt zu den Tiger-Söldnern! Seht mehr von Magira und erwerbt dabei Geld und Ruhm! Wer mit Waffen umgehen kann und gesund ist, wird angenommen!“ – Neben den wolsichen Schriftzeichen war ein imposanter Tigerkopf abgebildet, auf der anderen Seite ein gut ausgerüsteter Schwertkämpfer in den Farben der Tigersöldner, der den Beobachter entschlossen anblickte, eine Hand voll Münzen in der offenen Hand. Um den Tisch, an dem die Werber saßen, standen mehrere Bewerber unterschiedlichen Alters. Die meisten sahen wie Bauern oder Hirten aus. Ein glatt rasierter Mann mit völlig weißem Haupthaar fiel Helmnot ins Auge. Nach einem Blick in das wettergegerbte Gesicht musste er seine Altersschätzung revidieren, der Mann war höchsten dreißig Sommer alt, vermutlich jünger. Seine Lederweste und die wolsischen Sandalen waren abgetragen aber ordentlich, seine angespannte Körperhaltung und sein wachsamer Blick, dem nichts in der überfüllten Gaststube zu entgehen schien, sprachen für einen erfahrenen Kämpfer.
Nachdem die kurze Untersuchung durch den Tiger-Feldscher zu dessen Zufriedenheit ausgefallen war, setzte sich der junge Mann nach einer einladenden Handbewegung gegenüber von Helmnot an den Tisch. „Mein Name ist Perrak und komme ursprünglich aus Torala“, beantwortete er die auf Wolsisch gestellte Frage seines Gegenübers in der gleichen Sprache. „Ich habe in den letzten Jahren mehrere Kaufleute auf ihren Reisen als Wache gedient“, fuhr er in der Sprache der Ahtain fort, „und bin dabei viel herumgekommen. Ich habe Kanpferfahrung, kann reiten, spreche mehrere Sprachen und bei meinem letzten Auftrag war ich der Führer von 20 Wachleuten auf einem Handelszug von Arakossum nach Magramor.“

Wenige Tage nach Erhalt seines Handgelds, von dem er die Hälfte auch schon wieder ausgegeben hatte, marschierte Perrak mit den anderen Rekruten zu einem Ausbildungslager der Tiger-Söldner in der Greifensteppe. Aus den Einzelkämpfern sollte eine Truppe werden. Die Bräune von Perraks an sich heller Haut vertiefte sich unter der sudlichen Sonne, sein drahtiger Körper gewann unter dem harten Drill an Muskelmasse. Wenige Wochen nach der Werbung war er zum vorläufigen Befehlshaber einer Onagerbatterie ernannt worden. Er hatte taktischen Verstand gezeigt, kam mit den zusammengewürfelten Söldnern gut aus und befolgte die Befehle seiner Vorgesetzten zuverlässig und gewissenhaft.
Nach fünf langen Monden der Plackerei war die Grundausbildung beendet, die Rekruten wurden auf verschiedene schon bestehende Einheiten verteilt, von den Veteranen mit mildem Spott begrüßt. Zwei Wochen Marsch durch die Steppe brachte Perraks Einheit zu einem kleinen Hafen am Meer der Träume. In der Stadt investierte er einen guten Teil seines restlichen Handgelds in Leckerbissen, die es bei der Verpflegung im Lager nicht gegeben hatte. Wenige Tage später wurden die neuen Tiger-Söldner auf Schiffe verladen, einem unbekannten Ziel und unbekannten Abenteuern entgegen.
Gerhard Jahnke 2026